Du liebst mich. Ich lieb dich nicht.

Dialog D_Skizze Du liebst mich. Ich lieb dich nicht

Heidi stand nackt vor dem Spiegel und ordnete die Strähnen ihres Ponys. Die kalifornische Morgensonne strahlte durch das bodentiefe Fenster ins Bad. Hätte sie nach links geschaut, hätte sie die Hollywood Hills sehen können, die sich zu ihren Füßen erstreckten. Doch Heidi sah nur sich. Schlimmer noch: Sie sah ein graues Haar.

„Tom!“, rief sie Richtung Küche. Keine Antwort.

„Tom!“, rief sie erneut mit einem scharfen Unterton, der Eile gebot.

Kurze Zeit später stand Tom an der Tür. Er trug sein kariertes Hemd offen, sodass sie sein Herz-Tattoo auf der unbehaarten Brust sehen konnte. Sein dunkles Haar wirkte ungekämmt.

„Hast du etwa in deinen Kleidern geschlafen?“

Heidis Lippen wurden zu einem schmalen Strich, die Augenbrauen hatte sie missbilligend zusammengezogen.

„Wie läuft das neue Album?“, fragte sie.

„Gut, gut. Bin grade am Brainstormen.“

Heidi schnaubte. Den Tag verschlafen und sich faul vom Personal das Essen servieren zu lassen, nannte sich jetzt brainstorming?

„Rufst du bitte mal den Guido an? Ich muss heute noch einen Termin bei ihm haben. Ist dringend.“

Tom hob fragend eine Augenbraue. Heidi deutete auf das graue Haar.

„Das fällt doch keinem auf, Sweetie.“ Tom trat auf sie zu und versuchte sie zu umarmen.

Heidi wich seinen schlingenden Armen aus und wickelte ein grünes Badetuch um sich, um eine Lage Stoff zwischen sich und den ungewaschenen Rockstar zu bringen. „Ich bin frisch geduscht.“

Tom ließ sich so leicht nicht abschütteln. Ganz dicht stand er bei ihr und sie konnte den Geruch von Gras riechen. Er wird doch nicht am frühen Morgen schon gekifft haben? Etwas in Heidi ging auf die Barrikaden. Tom hob er mit einem Zeigefinger ihr Kinn an und sah ihr tief in die braunen Augen: „Du bist perfekt, mein Engel.“

Sie konnte es nicht mehr hören.

„Ich bin das nicht. Schon lange nicht mehr! Und dir fällt es nicht einmal auf.“

Ihre Stimme hatte eine unangenehme Höhe erreicht. Was hatte sie sich mit diesem Jungen eigentlich gedacht? Plötzlich wünschte sich Heidi nichts mehr als jemanden, der sie tatsächlich in ihren besten Zeiten erlebt hatte. Als sie für Victoria Secrets über die Laufstege gelaufen war. Jemanden, der sie zu schätzen wusste, weil sie inzwischen so viel mehr war. Mit diesem Boy Toy hatte sie keine Vergangenheit. Nur Gegenwart. Eine verkiffte Gegenwart ohne Comeback.

Anmerkung

Diese Skizze ist das Ergebnis der Schreibübung Ich lieb dich, ich lieb dich nicht. Falls dich Variante 1 dieser Szene interessiert, klicke auf den Link.

Ähnliche Beiträge

Bild des neuen Blog-Auftritts

Auf zu neuen Ufern!

»The Story to be« zieht um auf ein neues System. Bis zur Migration findest du ältere Artikel hier. Für neuere Artikel klicke im Menü auf »Neue Beiträge«.

Mehr lesen
Leseliste 2023 The Story to Be

Leseliste 2023

Romane, Geschichten, Gedichte, Sachbücher: Die Welt ist voller lesenswerter Bücher. Diese kreuzten 2023 meinen Weg.

Mehr lesen
0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
0
Would love your thoughts, please comment.x