Du liebst mich. Ich lieb dich.

Dialog C_Skizze Du liebst mich. Ich liebe dich

Heidi stand nackt vor dem Spiegel und ordnete die Strähnen ihres Ponys. Die kalifornische Morgensonne strahlte durch das bodentiefe Fenster ins Bad. Hätte sie nach links geschaut, hätte sie die Hollywood Hills sehen können, die sich zu ihren Füßen erstreckten. Doch Heidi sah nur sich. Schlimmer noch: Sie sah ein graues Haar.

„Tom!“, rief sie Richtung Küche. „Ruf mal bitte den Guido an. Ich brauch’ heute noch einen Termin.“

Kurze Zeit später stand Tom an der Tür. Er trug sein kariertes Hemd offen, sodass sie sein Herz-Tattoo auf der unbehaarten Brust sehen konnte. Sein dunkles Haar wirkte ungekämmt. Heidi schmunzelte, denn sie wusste, dass er jeden Morgen für diesen Casual Rockstar-Look ebenso lange im Bad stand wie sie. Toms Blicke wanderten lüstern über Heidis durchtrainierten Körper und blieben wie immer auf Brusthöhe hängen.

„Wer ist am Telefon? Mein Agent?“ Es schwang eine gewisse Hoffnung in seiner Stimme mit.

Heidi rollte mit den Augen. Eigentlich hörte Tom ihr selten zu. Mit den Gedanken war er immer woanders. Meist zwischen den Laken, aber immer häufiger bei seinen Comeback-Plänen. Sie hüllte sich in ein Badetuch, um Tom das Zuhören zu erleichtern.

„Könntest du bitte Guido für mich anrufen? Ich brauch’ einen Termin für heute. Sag ihm, es ist dring-end.“

Toms Augen wanderten von Hans und Franz zu ihren Haaren.

„Du siehst fantastisch aus, Sweetie. Was ist denn so dringend?“ Neugierig war Tom näher getreten und nahm jedes Haar unter die Lupe, zupfte hier, zupfte dort.

„Sitzt doch perfekt!“, stellte er fest. Dann hob er mit einem Zeigefinger ihr Kinn an und sah ihr tief in die braunen Augen: „Du bist perfekt.“ Da war es wieder. Dieses Knistern zwischen ihnen. Er hatte eine Standleitung zu ihrem inneren Fangirl. Wenn er sie ansah, fühlte sich Heidi wie vor zwanzig Jahren. Unwiderstehlich. Und das graue Haar hatte Tom nicht einmal bemerkt. Für ihn war sie perfekt. Und nichts erregte Heidi mehr als in jemandes Augen makellos zu sein. Sie ließ das Badetuch fallen.

„Hans und Franz wollten dir guten Morgen sagen.“ Heidi zwinkerte ihm neckisch zu.

„Billy auch“, grinste Tom und sank vor ihr nieder. Heidi schwankte ein wenig, weil ihre Knie plötzlich so butterweich wurden wie ihr pochendes Herz. In einer fließenden Bewegung hob Tom das Badetuch von den Steinfliesen auf, legte es um Heidis nackte Schultern und presste seinen jungen Körper an sie. Heidi kicherte. Irre komisch, dass er seinem besten Stück den Namen seines Zwillingsbruders gab. Es hatte etwas Verbotenes. Heidi machte sich an Toms Gürtelschnalle zu schaffen. Doch als sie ihren Blick von „Billy“ zu Toms schwarzen Augen wandern ließ, begegnete ihr im Spiegel ein weiteres Augenpaar. Vertraut und doch so fremd. Dem schwarzen Blick fehlte der warme Glanz.

„Morning, Schwägerin“. Bill lehnte nonchalant in der Badezimmer-Tür und zog einen Mundwinkel spöttisch in die Höhe. „Immer noch hot und horny, wie ich sehe.“ Sein stechender Blick blieb genau an jener Strähne ihres Ponys hängen, die auch Heidi selbst Sorge bereitet hatte. Und Heidi wusste: Bill war das graue Haar nicht entgangen.

Anmerkung

Diese Skizze ist das Ergebnis der Schreibübung Ich lieb dich, ich lieb dich nicht. Falls dich Variante 2 dieser Szene interessiert, klicke auf den Link.

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