Und wieder füllt des Flieders Duft die Lüfte

Flieder
Und wieder füllt des Flieders Duft die Lüfte. 
Im Kirschbaum singt die Amsel ihre Weise.
Es reiht sich Stuhl um Stuhl vertraut im Kreise
um den Tisch der Gäste lachende Gesichter.

Die Sonne glüht herab vom Himmel und Schatten
spendet nur der dicke Ast des Kirschbaums.
Und jeder Gast nimmt nochmal Sahnetorte.
Auch jene, die schon zwei Stück davon hatten.

Sie gabeln scherzend, lachend, in Gedanken
doch versinkend, leiser werdend vor sich hin.

Eine denkt an jenen Sommer,
als sie vom Schwimmen hungrig kam,
und an das dick belegte Brot mit Schinken,
das sie aus welken Händen nahm.

Und einer glaubt sie dort zu sehen.
Im Kirschbaumschatten, wo sie immer saß.
Neben sich gedeckte Stühle – bereit
für Gäste, die nie kamen. So verstrich die Zeit.

Und eine fragt sich, ob sie oft genug hier saß.
Und einer hat Bedenken, dass er sie meist vergaß.

Die alte Frau im Schatten,
hier sitzt sie jetzt nicht mehr.
Heute hat sie Gäste – doch ihr Stuhl:
für immer leer.

2016

Anmerkung

Das Gedicht ist im Rahmen eines des 19. Gedichtwettbewerbs entstanden. Es ist im Gedichtband XIX des Realis Verlags veröffentlicht. Das Sonderthema, zu dem auch dieses Gedicht gehörte, lautete “Kostbares”. Der Wettbewerb findet jährlich unter wechselnden Themen statt. Es gibt Preisgelder sowie Kurse und Sonderveröffentlichungen eigener Gedichte zu gewinnen.

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